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Audioshake

Eine KI hört Instrumente aus Aufnahmen heraus?

von Nick Heß (21.12.2021)

Die Firma Audioshake verspricht mit ihrer gleichnamigen Software ungeahnte Möglichkeiten für Künstler und Produzenten, denn damit lassen sich einzelne Stimmen aus Audioaufnahmen herausfiltern. Was Audioshake insgesamt zu bieten hat und für wen es in Frage kommt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Zum Autor

Nick Heß geht den Dingen gern auf den Grund. Nach einigen Jahren Archäologie- und Musikwissenschafts-Studium findet er seine geistige Heimat schließlich in der Philosophie, in der er gerade seine Master-Arbeit schreibt...

Damals wie heute

Während vor hundert Jahren Studios noch ganze Häuser füllten, tragen wir heute Aufnahme-Software sogar auf unseren Smartphones im Kleinstformat mit uns herum, nehmen spontan ein Live-Konzert oder einen Vortrag auf. Solche Errungenschaften empfinden wir als normal und fiebern dennoch jeder weiteren Innovation und Optimierung entgegen. So ändern sich die Zeiten und so bringt jede technische Errungenschaft auch ihre Herausforderungen mit sich.

Vielen wird die Situation bekannt sein: Mangels Ausstattung oder Zeit wird eine spontane Jam-Session oder ein Live-Konzert mit dem Smartphone aufgenommen, um Ideen für Songs oder bewegende Momente für spätere Zeiten festzuhalten. In den meisten Fällen reduziert sich das Live-Erlebnis dadurch auf eine mäßig auflösende Qualität. Beim Anhören fallen noch Übersteuerungen des Mikrofons und die Unausgewogenheit der verschiedenen Instrumente auf. Das löst schnell Enttäuschung aus. Audioshake verspricht an dieser Stelle Abhilfe.

Auf den Spuren der KI – das neue Arbeitstier

Audioshake ermöglicht es nun, jederzeit Material für Über- und Weiterverarbeitung zu schaffen. Jede erdenkliche Musikdatei soll hinsichtlich ihrer instrumentalen Elemente ausgelesen werden können. Die isolierten Spuren können dann neu abgemischt und neu ausgegeben werden.

Wie funktioniert das? Auf Basis einer KI, die mit Tausenden von hochwertigen Spuren aus allen gängigen Genres gelernt hat, Instrumente innerhalb einer Aufnahme zu identifizieren. Unabhängig von Stil und Qualität der Musik, kann die KI die Wellenformen der verschiedenen Instrumente erkennen und separieren. Dieser Vorgang läuft bis zu 150-mal schneller als die Echtzeitwiedergabe des Originals ab. Bisher ‚erkennt‘ Audioshake fünf Kategorien: Gesang, Schlagzeug, Bass, Gitarre und ‚Andere‘. Damit lässt sich schon eine Menge anstellen!

Die Möglichkeiten für elektronische Musikproduktion scheinen hier enorm, denn die zuvor mühsame Suche nach Samples geht nun auf Knopfdruck. Das Arbeiten mit Instrumentalspuren ist längst ein unumgänglicher Standard. Elektronische Musik oder jeder radiotaugliche Remix ziehen ihre Kreativität aus dem Experimentieren mit einzelnen Spuren eigener und fremder Songs. Die Popularität mancher Remixes überragt dabei sogar die Originale. Eindrucksvoll beweist das die Band Crazy Town. Sie verbauten in ihrem Hit „Butterfly“ eine charakteristische Passage aus „Pretty Little Ditty“ (ab 02:02) von den Red Hot Chili Peppers. Während „Butterfly“ 1999 Platz 1 der deutschen Charts einnahm, war das 10 Jahre ältere Original nur bei Fans bekannt.

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Über die Musikproduktion hinaus

Einzelne Spuren, wie Gesang oder Solo-Instrumente, können auch einfach weggelassen werden. So ließe sich aus jedem beliebigen Song eine Karaoke-Version oder ein Backing-Track zum Üben anfertigen. Wer wollte nicht schon mal die Solos von Jimmy Page zu dem originalen Sound von Led Zeppelin spielen?

Großes Potential verspricht Audioshake auch in der Nachbearbeitung von historischen Aufnahmen, die zu einer Zeit entstanden, die keine optimalen Aufnahmebedingungen bot. Endlich könnten die Unmengen an privaten Live-Mitschnitten (Bootlegs) oder die verrauschten Phonographen-Aufnahmen in akzeptabler Qualität aufgelegt werden.

Fazit: Noch in den Kinderschuhen

Wer also ein Werkzeug sucht, um seine kreativen Möglichkeiten innerhalb von elektronischer und populärer Musik zu erweitern, seiner privaten Bibliothek von Live-Mitschnitten einen besseren Klang zu verpassen oder einfach Karaoke-Material zu produzieren, der findet mit Audioshake ein gutes Werkzeug.

Leider stößt die Software derzeit noch schnell an ihre Grenzen. Schwierig wird es mit Musik, die sich mit spezifischen Instrumenten außerhalb des abendländischen Kulturkreises bewegt. Das gilt ebenso für den Jazz, denn auf das Erkennen von Blasinstrumente wurde die KI bisher noch nicht trainiert. Unklar bleibt auch, was die Kategorie ‚Andere‘ sonst noch alles abdecken kann. Ganz perfekt läuft auch die Trennung der Spuren noch nicht. Manchmal lässt sich der Gesang oder ein dominantes Lead-Instrument nicht gänzlich aus den anderen Spuren herausfiltern. Audioshake verspricht für beide Kritikpunkte Updates für die Zukunft.

Für den professionellen Umgang wirkt Audioshake also noch etwas unreif und trägt eher den Charakter einer Spielerei für Zwischendurch. Qualität und Funktionsumfang müssten noch zunehmen. Was die Überarbeitung historischer Aufnahmen angeht: Seien wir mal ehrlich, wollen wir wirklich die alten Aufnahmen von Giganten wie Charlie Parker hinsichtlich Klangqualität optimieren oder sollten wir sie lieber Kinder ihrer Zeit sein lassen, samt nostalgisch-verrauschtem Charme?

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