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One love, one heart

Über den Reggae und seine Ursprünge


von Christian Geiger (17.06.2022)

Reggae – das sind Summer Vibes auf der immer sonnigen Karibikinsel Jamaika, Bob Marley, Dreadlocks und Marihuana. Diese gängigen Klischees sind zwar nicht aus der Luft gegriffen, sie spiegeln allerdings nur einen ganz kleinen Teil des Musikstils wider. Christian Geiger unternimmt einen Gang durch die Entstehungsgeschichte des Reggae (über den Ska und den Rocksteady) und klärt dabei die Frage: Was zeichnet den Stil eigentlich aus?

Reggae ist der Exportschlager Jamaikas, das Sprachrohr der Glaubensrichtung der Rastafari und gehört seit 2018 zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO. Festivals wie das hiesige Summerjam oder das spanische Rototom Sunsplash locken jährlich zehntausende Reggae-Fans vor die großen Musikbühnen.

Das Musikgenre ist inzwischen globalisiert: Egal ob in Deutschland, den USA, in Neukaledonien oder China, gefühlt überall auf dem Globus musizieren heute Reggae-Bands. All dies hat seinen Ursprung auf der kleinen Insel Jamaika, die nur etwa halb so groß wie das Bundesland Hessen ist und auf der etwa halb so viele Menschen leben wie in Berlin.

„The only good system is a soundsystem“

Ausgangspunkt der Entwicklung des Reggae sind die 1950er Jahre auf Jamaika. Zu dieser Zeit waren der US-amerikanische Rhythm & Blues, Merengue, Latin Jazz sowie der heimische Mento, die traditionelle jamaikanische Folkmusik, überaus beliebt.

Einen Zugang zu Musik hatten allerdings nur wenige Jamaikaner, denn es fehlte ihnen an Geld für Schallplatten, ein Radio oder den Eintritt in eine Diskothek. Die Lösung: Frei zugängliche Diskotheken unter freiem Himmel, sogenannte Soundsystems.

Diese waren zunächst nicht mehr als auf einen Karren gespannte Boxen mitsamt einem Plattenspieler, den die Betreibenden mit aus den USA importierten Schallplatten fütterten. Die Veranstaltungen der Soundsystems, die als Dances bezeichnet wurden, boten auf einmal einem Großteil der jamaikanischen Bevölkerung die Möglichkeit, Musik zu konsumieren.

In den folgenden Jahren florierte das Geschäft, die Dances entwickelten sich zu einem Ort sozialen Austauschs mit Speis, Trank, Diskussion und eben Musik und Tanz. Die hohe Nachfrage führte zu immer mehr Soundsystems und damit einhergehend zu einem zunehmenden Konkurrenzkampf.

Mit exklusiven Musiktiteln versuchten die Veranstalter, ihr tanzwütiges Publikum bei Laune zu halten und sich von der Konkurrenz abzuheben. Nur kontinuierlich den zeit- und kostenintensiven Import neuer Schallplatten zu gewährleisten, war teuer. Zudem erschienen immer weniger neue R&B-Platten in den USA, da sich dort allmählich der Rock 'n' Roll ausbreitete – der neue Musikstil fand bei der jamaikanischen Bevölkerung allerdings nur wenig Anklang.

Toningenieure, die ins Soundsystem-Geschäft einstiegen, hatten aber eine Idee: Sie produzierten selbst Platten mit neuer Musik in heimischen Tonstudios. Diese Strategie rettete jedoch nur für kurze Zeit das Geschäft, denn allmählich waren auch die Jamaikaner heiß auf etwas Neues. So kam es Ende der 1950er Jahre zu einem stilistischen Richtungswechsel.

Einheimische Bands, die in den Tonstudios für die Soundsystems die bisher geforderten Musikrichtungen einspielten, vermischten einfach alle Elemente, der auf Jamaika beliebten Musik, zu etwas Neuem: Aus Rhythm & Blues, Merengue, Latin Jazz und Mento wurde der Ska geboren.

Mit dem Ska entstand die erste eigene jamaikanische Popularmusik, die so neu und anders klang, dass sie sich zu der alles bestimmenden Musikrichtung auf den Dances entwickelte. Das neuartige stilistische Element des Ska war der Offbeat: Die Akzentuierung der Akkorde zwischen den Zählzeiten durch Piano, Gitarre und zumeist einem Bläsersatz erwies sich über die folgenden Jahrzehnte hinweg als das Charakteristikum für sämtliche jamaikanische Popularmusik. Begleitet wurde der Offbeat vom Schlagzeug und einem Walking Bass.

Pioniere wie Prince Buster, Desmond Dekker oder The Skatalites spielten einen meist euphorischen, schnellen und antreibenden Sound, der so klang:

Der Soundtrack der Unabhängigkeit – zumindest kurzzeitig

Neben den stilistischen Neuerungen war der soziopolitische Kontext zur Entstehungszeit des Ska die zweite Hauptzutat des Erfolgsrezepts.

Jamaika war seit 1655 britische Kolonie und erlangte erst 1962 die Unabhängigkeit. Das Nationalbewusstsein der jamaikanischen Bevölkerung zu der Zeit war groß, eine bis dahin ungekannte Aufbruchstimmung erfasste die Insel.

Mit dem Ska kam Ende der 1950er Jahre folglich eine selbstbestimmte Musikrichtung auf, die zeitlich mit der politischen Unabhängigkeit von Großbritannien zusammenfiel und der jamaikanischen Bevölkerung eine musikalische Identität stiftete. Der Großteil der Produktionen dieser Zeit vertonte das hoffnungsvolle Lebensgefühl und die großen Erwartungen an die neu erlangte Freiheit des Inselstaates. Diese Themen waren die treibende Kraft hinter dem Erfolg.

Die Blütezeit des Ska währte indes nicht lange. Der Wunsch des Publikums nach stetig neuer Musik und das Ringen nach Exklusivität der Soundsystems hielten auch nach der Unabhängigkeit an.

Eine Hitzewelle auf Jamaika Mitte der 1960er-Jahre, so sagt es eine Legende, brachte schließlich ins Rollen, was als logische Konsequenz folgen musste: neue Klänge. Vor allem brauchte es langsamere Klänge, zu denen es sich in der Hitze der Nacht angenehmer tanzen lässt.

Aus diesen Wünschen heraus wurde der Rocksteady geboren, der als langsamere Variante des Ska verstanden wird. Mit seinen richtungsweisenden stilistischen Innovationen legte der Rocksteady den entscheidenden Grundstein für den Reggae.

„People get ready, do Rocksteady“

Genau wie der Ska war der Rocksteady eine von der Offbeat-Betonung dominierte Musikrichtung. Das waren dann aber auch schon alle offensichtlichen Gemeinsamkeiten, denn sowohl in der Instrumentierung als auch im Zusammenspiel der Instrumente kam es zu Neuerungen.

Mit der E-Orgel sowie dem E-Bass, der den Kontrabass verdrängte, hielten neue Instrumente Einzug in die Standardbesetzung der Bands. Der Einsatz der Bläser beschränkte sich nun auf kurze melodische Einwürfe. An die Stelle des Walking Bass aus dem Ska traten rhythmisch und melodisch einprägsame Figuren, die über gezielte Pauseneinheiten in ein Wechselspiel mit den anderen Instrumenten treten.

Die wohl wichtigste Neuerung fand im Schlagzeug statt. Im Rhythmus „One Drop“, der den Rocksteady und später den Reggae maßgeblich kennzeichnete, bleibt die Zählzeit 1 eines Taktes unbetont und die Snare erklingt mit einem Rimclick zeitgleich mit der Bassdrum auf die Schläge 2 und 4 eines Taktes.

Die Verschiebung der Akzentuierung im Schlagzeug zog eine neuartige Klangästhetik nach sich, die sich bis heute im Reggae erhalten hat. Mit nur drei Jahren währte die Blütezeit des Rocksteady von 1966 bis 1968 zwar kurz, dafür war sie stilistisch sehr bedeutsam. Wie der Rocksteady von Stars wie Desmond Dekker, Alton Ellis oder The Paragons klang, lässt sich hier hören:

Die Zeit ist reif: Reggae!

Der Ska lieferte die Offbeat-Akzentuierung, der Rocksteady den One Drop. Als das Songtempo um 1968 dann noch langsamer wurde, waren die Weichen für den Reggae gestellt.

Im Grunde wurden alle Charakteristika des Rocksteady übernommen und lediglich Details angepasst. Der Bass entwickelte sich im Reggae zum führenden und wichtigsten Instrument. Dadurch, dass das Tempo des Reggae noch langsamer war und folglich der synkopierte Bass sowie der One Drop längere Pausen eröffneten, entstand klanglicher Raum, den es zu füllen galt. Diese Aufgabe übernahmen Gitarre und Orgel, wobei die Gitarre dem Offbeat einen Sechzehntel-Nachschlag anhängte und die Orgel den Offbeat mit jeweils einem Sechzehntel-Vor- und Nachschlag umrahmte – und das klingt so:

Reggae ging mit dem zuvor in den Slums von Kingston entstandenen Rastafari-Glauben in den 1970er-Jahren eine fruchtbare Beziehung ein und brachte so den Roots Reggae hervor – die Sternstunde des neuen Genres war angebrochen.

Die Songtexte der Rastas, die von Kritik am kapitalistischen System der westlichen Welt, der Forderung nach „equal rights“ der globalen schwarzen Bevölkerung und dem Drang nach Freiheit geprägt waren, trafen den Nerv der Zeit.

1973 brachten The Wailers in Zusammenarbeit mit dem Musikproduzenten Chris Blackwell das Album Catch a Fire auf den Markt. Es wurde auf Anhieb zum internationalen Erfolg und bald kannte die ganze Welt Bob Marley und den neuartigen Reggae-Stil, mit dem weitere Stars wie Steel Pulse, UB40, Groundation, Chronixx, Gentleman oder Alpha Blondy berühmt wurden.

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