Die Kunst der Zugabe

von Team Instrumente lernen – 20 Fragen und David Rauh (16.08.2022)

Was macht eine gute Zugabe aus? Über diese Frage reflektieren acht Profimusikerinnen und -musiker. Lass Dich von ihren Antworten inspirieren!

„Bravo!“„Bravo!“ Die Musiker auf der Bühne haben im Konzert alles gegeben und ernten nun die Anerkennung des Publikums im Applaus. Das Konzert ist zu Ende. Oder doch nicht? Zugaben gehören heutzutage meist zu einem Konzert dazu. In vielen Fällen wird fest damit gerechnet, dass nach dem letzten Stück im Programm doch noch mehr Musik kommt, gerade wenn die größten Hits noch gar nicht gespielt wurden. Im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker etwa müssen jedes Jahr aufs Neue die Klassiker ‚Donauwalzer‘ und Radetzky-Marsch durch langanhaltenden Applaus herausgekitzelt werden – oder wenn die Metal-Band Metallica im regulären Set noch nicht die bekannten Songs „Enter Sandman“ oder „Master of Puppets“ gespielt haben, kann man sich darauf verlassen, dass sie noch nach dem ‚Ende‘ gespielt werden.

… und wenn Du vor so einer Situation stehst? Du gibst ein Konzert, Dein offizielles Programm ist vorbei und die Leute klatschen und klatschen; sie zollen Dir Respekt und wollen mehr von Deiner Musik. Was tun? Ein Stück aus dem Programm nochmal spielen? Möglich, aber langweilig. Einfach gehen? Das mag je nach Kontext einen faden Beigeschmack hinterlassen… Dann vielleicht doch im Vorfeld eine Zugabe vorbereiten!

Wir haben die konzerterprobten Autorinnen und Autoren der Reihe Instrumente lernen – 20 Fragen um ihre Meinung rund ums Thema Zugaben gebeten. Ihre Antworten können in vier Aspekte unterteilt werden:

  • Welchen Zweck erfüllt eine Zugabe?
  • Welche Stücke eignen sich als Zugabe?
  • Sollte ich eine Zugabe vorausplanen?
  • Muss ich eine Zugabe spielen?

Welchen Zweck erfüllt eine Zugabe?

Ein runder Abschluss

Karoline Höfler: Eine gute Zugabe ist wie ein Dessert, danach ist das Publikum gesättigt, glücklich und zufrieden. Der Konzert-Bogen schließt sich.

Kristin Thielemann: Eine gute Zugabe ist für mich wie die Schokoladenstreusel auf dem Eisbecher. Sie kann – sofern mit Bedacht ausgewählt – das Konzert perfekt abrunden.

Ein bleibender Nachhall

Aloisia Dauer: Die Zugabe ist das Musikstück, das die Menschen mit nach Hause nehmen. Es soll im Ohr bleiben und den Konzertabend schön abschließen.

Luc Scholtes: Im Idealfall ist es so, dass die Besucher nach dem Konzert von der Zugabe beeindruckt sind und sich darüber unterhalten. Zugaben, die nur zum Mitklatschen oder Mitsingen einladen, finde ich überflüssig.

Ein abschließender Dank

Daniel Steigleder: Wenn das Publikum eine Zugabe fordert, ist das der Dank für ein tolles Konzert. Mit einer Zugabe bedankst auch Du Dich bei Deinen Zuhörern und schickst sie glücklich nach Hause.

Flavia Feudi: Die Einführung der Zugabe sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden. Ich nutze diese Gelegenheit oft, um mit dem Publikum zu interagieren. Eine kurze Hinwendung zu meinen Zuhörern nimmt die Distanz und kommt immer gut an.


Welche Stücke eignen sich als Zugabe?

Liana Pereira: Eine gute Zugabe kann einerseits ein ‚Gamechanger‘ sein, wenn das Stück eine ganz andere stilistische Facette zeigt als das Konzertprogramm. Andererseits kann sie auch den persönlichen Stil der Musiker unterstreichen.

Aloisia Dauer: Mir ist bei allen Zugabestücken wichtig, beim Publikum nochmal einen Wow-Effekt und gute Laune zu erzeugen. Es darf ruhig auch anspruchsvoll sein, aber immer unterhaltsam. Die Zugabe sollte nicht zu lange sein und zur Länge des Konzertprogramms passen. Ich persönlich suche Zugaben aus, die ich technisch gut meistern kann und nicht mehr Übeaufwand als das eigentliche Repertoire verlangen. Die Zugabe möchte ich als Musikerin auf der Bühne genauso genießen können wie das Publikum.

Flavia Feudi: Wenn ich eine Zugabe auswähle, denke ich zuerst an ein Werk, das das Publikum bewegen und begeistern kann. Ein Werk, das die Zuhörer mit nach Hause nehmen, das im Gedächtnis bleiben und in den Ohren widerhallen soll.

Kristin Thielemann: Auch ich überlege mir, in welcher Stimmung ich mein Publikum aus dem Konzert ‚entlassen‘ möchte: Soll es beeindruckt und euphorisiert von meinen technischen Fähigkeiten sein, dann wähle ich ein kürzeres Bravourstück. Wünsche ich mir ein beschwingt heiteres Publikum, das mit einem Ohrwurm im Kopf in die Welt hinausgeht, sind heitere Melodien mit hohem Wiedererkennungswert geeignet, wie zum Beispiel eine Polka, ein Tango, Swing oder Ragtime. Möchte ich die Zuhörenden mit der Musik zutiefst berühren, können sich wunderschöne langsame Arien oder sogar Volkslieder eignen.

Komalé Akakpo: Das Publikum hat oft ganz unterschiedliche Erwartungen an eine Zugabe: Die einen möchten die Energie eines schwungvollen Konzertabschlusses gerne mit nach Hause nehmen und freuen sich über etwas Fetziges. Andere sind glücklich, wenn der Auftritt mit einem ruhigen ‚Betthupferl‘ einen harmonischen Ausklang findet. Wieder andere lassen sich am Ende begeistert zum Mitmachen animieren. Manche könnten noch Stunden sitzen bleiben, manch andere denken schon an die lange Heimfahrt…
Bei Konzerten mit dem Lanzinger Trio haben wir unsere Lösung gefunden und kündigen immer gleich zwei Zugaben an, mit denen wir möglichst viele Leute (und letztlich auch uns) zufrieden stellen wollen: ein flottes und ein ruhiges Stück aus jeweils unterschiedlichen Stilrichtungen. Vor allem ist so die Länge von vornherein klar, damit können alle gut leben. Wir wissen, wann wir Feierabend haben, und wer noch nicht genug hat, kann uns am CD-Stand besuchen kommen!


Sollte ich eine Zugabe vorausplanen?

Flavia Feudi: Zu einem gelungenen Konzertprogramm gehört natürlich eine Zugabe. Oft wird sie in der Planung nicht rechtzeitig berücksichtigt oder erst kurzfristig in das Programm aufgenommen, als wäre sie ein Beitrag, der nichts mit dem übrigen Programm zu tun hat. Aber es ist von großer Bedeutung, dass die Zugabe sich auf das gesamte Konzertprogramm bezieht und als ein wichtiger Bestandteil des Konzerterlebnisses angesehen wird.

Luc Scholtes: Eine gute Zugabe fügt meiner Meinung nach dem Konzertprogramm noch etwas Spezielles hinzu. Es soll also nicht nur ‚eine extra Nummer sein, weil die Zuschauer immer noch applaudieren‘. Die perfekte Zugabe ist thematisch mit dem Rest des Programms verbunden. Dazu soll sie aber noch etwas Besonderes haben. Sie kann zum Beispiel sehr spektakulär sein, oder eine spezielle Bedeutung haben und deswegen starke Emotionen hervorrufen.

Aloisia Dauer: Ich suche die Zugabe passend zum Konzertprogramm aus. Wenn das Konzert unter einem bestimmten Thema steht, oder wenn es einen bestimmten Anlass gibt (z. B. Weihnachten), fällt es leicht, eine passende Zugabe zu finden. Nach einem thematisch oder musikalisch anspruchsvollem Programm freut sich das Publikum über eine leichtere, unterhaltsamere Melodie, die vielleicht auch nach dem Konzert noch im Kopf bleibt.

Daniel Steigleder: Als Musiker ist eine gute Songauswahl unerlässlich. Gerade gegen Ende Deines Konzertes liegt es an Dir, den großen Bogen zu schließen und Dein Publikum an die Hand zu nehmen. Mach Dir Gedanken über die letzten fünf Songs des Abends und überlege ganz gezielt, welche Wirkung Du mit Deinen Titeln erzielen möchtest. Passt dieser Titel vom Feeling, vom Tempo, von der Komplexität ans Ende? Wie wird Dein Publikum auf diesen letzten Song reagieren? Werden sie noch mehr von euch hören wollen oder schickst Du Deine Zuhörer mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause?


Muss ich eine Zugabe spielen?

Luc Scholtes: Ich denke, es ist schön, wenn die Zugabe für das Publikum eine Überraschung zum Ende des Konzerts ist. Deswegen finde ich aber auch, dass man nicht immer eine Zugabe spielen muss. Wenn das Programm schon ohne Zugabe schlüssig ist, und es gibt eigentlich kein weiteres Werk, das wirklich dazu passen würde, dann ergibt es keinen Sinn. Sonst würde das Konzert einfach nur länger dauern, denn die Zugabe macht es nicht mehr besser oder schöner.

Daniel Steigleder: Spiele Zugaben bitte nur dann, wenn sie tatsächlich gefordert werden: Es gibt nichts Peinlicheres als eine Band, die ein Set an Zugaben abfeuert, obwohl niemand danach fragt. Achte auch darauf, ob eine Zugabe angemessen ist: Wenn Du ein Festival spielst, die nächste Band schon in den Startlöchern steht und kaum Zeit für einen Umbau bleibt, dann ist heute nicht der richtige Tag, um zwei Zugaben zu spielen. Halte Dich an Deine Spielzeiten und habe das große Ganze etwas im Blick – Booker, Veranstalter und eure Musikerkolleginnen und -kollegen werden Dich dafür lieben!


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Zugabe: Was gibt es sonst noch zu wissen?

Eigentlich ist die Fragerunde hier vorbei, aber ich möchte mir als Redakteur auch noch eine kleine Zugabe erlauben – mit Fakten zum Schluss: Momentaner Rekordhalter für die meisten Zugaben an mehreren Abenden sind The Cure mit fünf Sets, d. h. sie haben fünfmal die Bühne verlassen, nur um doch zurückzukehren und einen oder mehrere weitere Songs zu spielen. Allerdings wurde der Rekord wohl länger nicht mehr angefochten: z. B. wurde schon über ein Solokonzert der Pianistin Yuja Wang von zehn Zugaben berichtet; Prince spielte 2011 in Metropolis sieben Zugabensets – das waren zusammen mehr Songs als regulär auf dem Programm standen! Das ist allerdings nichts im Vergleich zur längsten Zugabe: 1792 wurde Domenico Cimarosas etwa dreistündige Oper Il matrimonio segreto einfach in Gänze wiederholt – Leopold II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, hatte einfach noch nicht genug.

Apropos Oper: Die Praxis der Zugaben entstand wohl zum ersten Mal dort. Früher wurde nach einer gelungenen Arie geklatscht. Wenn der Applaus anhielt, wurde sie direkt nochmal gesungen. Diese Tradition hat die Aufführungen im Verlauf des 18. Jahrhunderts teilweise so sehr in die Länge gezogen, dass an bestimmten Opern- oder Konzerthäusern Limitierungen oder gar Verbote für Zugaben ausgesprochen wurden…

So weit soll es natürlich nicht kommen: In diesem Sinne wünsche ich Dir, dass Deine Konzerte den perfekten Abschluss finden – ob mit oder ohne Zugabe!

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