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Musikalische Jubiläen und Gedenktage 2022

Eine Vorschau

von Holger Slowik (31.12.2021)

Max Raabe und Heinrich Schütz, Alexander Skrjabin und Campino, Daniel Barenboim und Elton John… Sie alle begehen im Jahr 2022 einen runden Geburts- oder Todestag und werden deshalb im Musikleben des neuen Jahres eine besondere Rolle spielen. In unserer Vorschau auf das Musikjahr 2022 bringen wir etwas Ordnung in die anstehenden Jubiläen und Gedenktage. Dabei lässt sich manch überraschende Querverbindung entdecken.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Die berühmten Verse aus Hermann Hesses Gedicht Stufen gelten ebenso für den Beginn eines neuen Jahres. Doch wie es mit jedem Zauber zu gehen pflegt: Auch die Zauberwirkung eines Jahresanfangs, dieses uns vom Kalender diktierten Neubeginns, verfliegt nur allzu schnell, mitsamt allen guten Vorsätzen und Plänen.

Deswegen ist es sinnvoll, wie immer, wenn man etwas Neues beginnt, sich zuerst einen Überblick zu verschaffen, was da alles auf einen zukommt. Das wollen wir im Folgenden tun mit einer Vorschau auf die Jubiläen und Gedenktage, die die Musikwelt im Jahr 2022 beschäftigen werden.

Am 8. Februar feiert John Williams seinen 90. Geburtstag. Ohne ihn wäre Filmmusik seit vielen Jahrzehnten nicht das, was sie ist, und ohne ihn wären wir um viele unvergleichliche Melodien ärmer. Seine umjubelten Konzerte mit den Wiener und Berliner Philharmonikern haben seinen Status als Musikerlegende unserer Zeit zuletzt eindrucksvoll bestätigt.

Drei Musiker können 2022 ihren 80. Geburtstag feiern, die, jeder in seinem Genre, zu den bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit zählen: Paul McCartney (18. Juni), Daniel Barenboim (15. November) und Reinhard Mey (21. Dezember). Ohne diesen Zufall des gleichen Geburtsjahres hätte wohl niemand den legendären Ex-Beatle, den bedeutenden Pianisten und Dirigenten sowie den Doyen der deutschsprachigen Liedermacher in einem Atemzug genannt. Auf den zweiten Blick zeigen sich aber doch ein paar Berührungspunkte: Barenboim berichtet in einem Interview, wie The Beatles, bei einem gemeinsamen Abendessen im Jahr 1970, nicht müde wurden, ihm Fragen über Beethoven zu stellen. Er selbst, so gibt er freimütig zu, habe das Revolutionäre der Musik der ‚Pilzköpfe‘ erst später erkannt. Vielleicht verdankt sich die späte Hinwendung Paul McCartneys zur klassischen Musik unter anderem diesem Tischgespräch?

Und Reinhard Mey? Seine schönsten Lieder schreibt dieser zeit- und gesellschaftskritische Musiker über das Fliegen – das allerschönste ist vielleicht „Lilienthals Traum“: ein ganzes Leben in wenigen Liedzeilen. Eine Besonderheit ist die Aufnahme dieses Liedes, die Mey mit den Berliner Philharmonikern gemacht hat, dem Orchester, dem Daniel Barenboim seit den 1960er Jahren als Pianist und Dirigent eng verbunden ist.

Berlin spielte auch im Leben von David Bowie eine wichtige Rolle, der 2022 am 8. Januar seinen 75. Geburtstag hätte feiern können. In den 1970ern lebte er einige Jahre im Stadtteil Schöneberg, machte einen Drogenentzug, nahm die ersten beiden Alben seiner experimentellen Berlin Trilogy auf, und ließ sich von deutschen Krautrock-Bands sowie von Minimal Music inspirieren.

Einer der Gründerväter dieser Kompositionsrichtung, der Amerikaner John Adams, kann am 15. Februar ebenfalls seinen 75. Geburtstag feiern. Seine Oper Doctor Atomic würde gut ins Jahr 2022 passen, in dem die letzten drei Atomreaktoren in Deutschland abgeschaltet werden sollen. Das Werk thematisiert die Diskussionen rund um die ersten Atombombentests 1945. Wie in all seinen Bühnenwerken gelingt Adams auch hier eine tiefgehende Charakterisierung der einzelnen Protagonisten und ihrer inneren Spannungen.

Am 25. März 2022 wird ein dritter legendärer Musiker 75 Jahre alt – und er wird bestimmt auch an diesem Tag eine bunte Brille tragen: Elton John. Er gehört zu den erfolgreichsten Musikern aller Zeiten und zu den wenigen, deren Biographie bereits zu Lebzeiten verfilmt wurde (Rocketman). Nur wenige Wochen nach seinem Geburtstag gibt er zwei Konzerte in Deutschland.

Zwei Sänger feiern 2022 ihren 60. Geburtstag, die man beide, mit einem Augenzwinkern, als ‚typisch deutsch‘ bezeichnen könnte: Andreas Frege (22. Juni) und Matthias Otto (12. Dezember), besser bekannt als Campino und Max Raabe. Der eine gehört mit seiner Band Die Toten Hosen zu den erfolgreichsten deutschen Musikern. Aus der deutschen Punkbewegung hervorgegangen, thematisieren die meistens von Campino getexteten Songs der Band (bundes-)deutsche Befindlichkeiten seit den 80ern – und immer wieder den Fußball. Der andere hat gemeinsam mit seinem Palastorchester eine Renaissance des deutschen Schlagers der 1920er und 30er Jahre ausgelöst. Die ironisch-witzigen, hintergründig-banalen Texte dieser Lieder aus politisch höchst turbulenten Zeiten haben, von Max Raabe kongenial interpretiert, auch nach 100 Jahren nichts von ihrem Charme verloren.

Am 17. Oktober 2022 kann Marshall Bruce Mathers III seinen 50. Geburtstag feiern. Der Einfachheit halber, und um einer Verwechslung mit der bekannten Süßigkeit zu entgehen, hat er aus seinen Initialen „M & M“ den Künstlernamen Eminem gemacht. Seine oft als homophob und zu gewalttätig kritisierten Texte verarbeiten nach eigener Aussage Kindheitserfahrungen. Seinem Erfolg tut das keinen Abbruch. Für den Song „Lose Yourself“ aus ‚seinem‘ Film 8 Mile gewann er sogar einen Oscar.

Die deutlich älteren Jubilare des neuen Jahres

Iannis Xenakis würde am 22. Mai 100 Jahre alt. Als eine der experimentierfreudigsten Persönlichkeiten der Avantgarde nach 1945 übertrug der griechisch-französische Komponist, der mehrere Jahre als Assistent des Architekten Le Corbusier gearbeitet hatte, mathematische und geometrische Prinzipien auf die Musik. Der Durchbruch gelang ihm 1955 mit Metastaseis für 61 Musiker, einem Werk, das auf ganz unerhörte Weise das Verhältnis von Masse und Individuum zum Ausdruck bringt.

Ähnlich experimentell, aber nie die Grenzen einer spätromantischen Tonsprache überschreitend, komponierte Alexander Skrjabin, der am 6. Januar vor 150 Jahren geboren wurde. Mit einer auf Quarten- statt Terzschichtungen aufgebauten Harmonik (der sogenannte ‚mystische Akkord‘) brachte er die Dur-Moll-Tonalität an ihre Grenzen. Spektakulär, aber selten realisiert, ist seine Verbindung von Tönen mit bestimmten Farben, wie er es als Synästhet erlebt hat. Dafür entwickelte er die Idee eines ‚Farbenklaviers‘, die zu seinen Lebzeiten allerdings weitgehend Utopie bleiben musste.

Am 10. Dezember 2022 gedenkt die Musikwelt des 200. Geburtstags von César Franck. Mit seiner lebenslangen Tätigkeit als Organist, mit seinen Werken für dieses Instrument, sowie als Lehrer unter anderem von Ernest Chausson, Louis Vierne und Charles Tournemire gilt er als Erneuerer der französischen Orgelschule. Neben seinen berühmtesten Werken, der Sinfonie in d-Moll und der Violinsonate in A-Dur, bietet das Jubiläumsjahr hoffentlich die Gelegenheit, viele der unbekannteren Werke Francks kennenzulernen. Im Carus-Verlag (der 2022 übrigens sein 50-jähriges Jubiläum feiert) finden Chöre zum Beispiel eine Bearbeitung seines Psalm 150 mit reduziertem Orchester (mehr zu dieser Reihe: Große Chorwerke mit reduzierter Orchesterbesetzung), sowie eine Neuausgabe eines seiner Hauptwerke, des grandiosen Oratoriums Les Béatitudes (Die Seligpreisungen).

Gedenken einiger Todestage im neuen Jahr

Am 14. Mai 1847 starb Fanny Hensel, geb. Mendelssohn Bartholdy. Dank verlegerischer Bemühungen der letzten Jahrzehnte, vor allem des Furore-Verlags, liegen zahlreiche ihrer Werke zum Entdecken bereit. Auch kleinere Chöre können sich ihrer Kantaten Lobgesang oder Hiob annehmen. Und fortgeschrittene Klavierspielerinnen und Klavierspieler können gleich im Januar anfangen, den großartigen Zyklus Das Jahr einzustudieren: Zwölf Charakterstücke, für jeden Monat eins. Das wäre doch ein guter Vorsatz für das neue Jahr!

Vor 200 Jahren starb E. T. A. Hoffmann, der weniger als Komponist, denn als Schriftsteller und Theoretiker der Romantik bekannt geworden ist. Dennoch lassen sich von ihm spannende Werke entdecken, für Klavier, Chor oder Kammermusik.

350 Jahre schließlich sind vergangen seit dem Tod von Heinrich Schütz. Seine Musik reflektiert die Schrecknisse seiner Zeit: den Dreißigjährigen Krieg und die Pest. Von uns, die seit fast zwei Jahren unter den Bedingungen einer Pandemie leben, die auch das Musikleben stark einschränkt, kann seine Musik unter diesem Aspekt neu entdeckt werden.

Unsere Auswahl an Jubilaren des Jahres 2022 ließe sich natürlich beliebig ergänzen. Den einen oder anderen weniger bekannten Jubilar werden wir Ihnen im Laufe des Jahres in unserem Newsletter oder hier im Stretta Journal vorstellen.

Kommen Sie gut durch das Jahr 2022 und bleiben Sie gesund!

Möchten Sie Ihr neu gewonnenes Wissen auf die Probe stellen? Dann versuchen Sie sich doch einmal an unserem Bilderrätsel:

Bilderpaare: Musikalische Jubiläen 2022

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