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„Die Welt braucht mehr Künstler“

In memoriam Chick Corea

von Jan Reinelt (05.03.2021)

Chick Corea, einer der größten Jazzpianisten, hat im Alter von 79 Jahren für immer die Bühnen der Welt verlassen. Für das Stretta Journal schildert der Komponist und Musiker Jan Reinelt die Bedeutung des genialen Improvisators für die Musikwelt – und für ihn persönlich.

Chick Corea
© Tore Sætre / Wikimedia

Als ich an einem Dienstagnachmittag im zarten Alter von elf Jahren in der Schulbigband der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo saß und mit meiner Posaune auf den Probenbeginn wartete, wusste ich noch nicht, dass sich in den nächsten Minuten mein musikalischer Kosmos um ein Vielfaches erweitern sollte. Unser Bigbandleiter, Herr Eckhardt, hatte das Stück Spain von Chick Corea dabei und verteilte schon emsig die Einzelstimmen.

Jedes Mal, wenn wir etwas Neues einstudierten, spielte Herr Eckhardt uns eine Aufnahme des neuen Stückes vor. Bedächtig legte er also an diesem Tag das Album Light as a Feather in den CD-Player und wählte den Titel Nr. 6 an.

An das, was nun kam, kann ich mich noch sehr gut erinnern. Mit offenem Mund und noch offeneren Ohren ließ ich Chicks geniales Tongemälde auf mich einprasseln. Was da erklang, war zugleich kraftvoll, virtuos, energiegeladen, verspielt, zart, rhythmisch, fein, schräg, harmonisch und für mich eine Art von Musik, die ich noch nie gehört hatte und die mich ab jetzt begleiten sollte.

So ging und geht es sehr vielen Menschen, die die wunderbaren Kompositionen und Improvisationen von Chick Corea zum ersten Mal gehört haben und seitdem davon gefesselt sind. Um so trauriger war die Nachricht, dass Armando Anthony Corea, genannt Chick, am 9. Februar 2021 nach einer kurzen, schweren Krebserkrankung im Alter von 79 Jahren gestorben ist.

Anfänge bei Miles Davis

Geboren wurde der von italienischen und spanischen Einwanderern abstammende Klaviervirtuose am 12. Juni 1941 in der Kleinstadt Chelsea im US-Bundesstaat Massachusetts. Da sein Vater Trompeter war und eine Dixielandband leitete, bekam Chick schon sehr früh Kontakt zum Jazz und setzte sich bereits mit vier Jahren selbst ans Klavier.

Mit acht kam dann das Schlagzeug hinzu, das Klavier war aber von Anfang an seine große Liebe und sollte es auch ein Leben lang bleiben. Beziehungsweise, um es zu präzisieren: alle Arten von Tasteninstrumenten.

So begann er Ende der 60er Jahre in der Band von Miles Davis auf dem Fender Rhodes (ein E-Piano) zu experimentieren und entwickelte ab da immer mehr seinen eigenen Sound, vor allem mit elektronischen Instrumenten wie Keyboards und Synthesizern.

Übrigens bekam er den ersten Auftritt mit dem Miles Davis Quintett eher zufällig, da deren damaliger Keyboarder Herbie Hancock mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett lag und somit nicht spielen konnte, wie Corea in einem Interview erzählt. Ab diesem Zeitpunkt gehörte er zur Stammbesetzung der Band und spielte in den folgenden zwei Jahren die Studioalben Filles de Killimanjaro, In a Silent Way und Bitches Brew ein.

Jazz + Rock = Fusion

Doch den kreativen und vor neuen Ideen sprühenden Kopf hielt es bald nicht mehr bei Miles Davis und so verließ er die Band, um seine eigene Formation zu gründen. Dieser gab er den Namen Return to Forever, was gleichzeitig auch der Name des Debütalbums war.

Die darauf zu hörende Musik wird als Fusion bezeichnet, eine Mischung aus den Stilrichtungen Jazz und Rock, das Album gilt als ein Klassiker dieses Genres. Den beiden Titeln „Sometimes Ago“ und „La Fiesta“ hört man aber auch die Leidenschaft Coreas für lateinamerikanische und spanische Musik an, die er in seinem 1976 erschienenen Doppelalbum My Spanish Heart lebhaft zum Ausdruck bringt.

Vielleicht rührt daher auch die Lust auf rhythmische Spielereien, die er in zahlreichen seiner Kompositionen und Improvisationen eindrucksvoll präsentiert.

Grenzgänger

Musikalische Grenzen kannte der 23-fache Grammy-Gewinner nicht. So war er sehr interessiert an der klassischen Musik und ein großer Verehrer Mozarts. Vor allem dessen Improvisationstalent – eine Fähigkeit, die im 18. Jahrhundert als essentiell für einen Komponisten galt – wurde von Chick Corea bewundert und verband ihn umso mehr mit dem kreativen klassischen Meister.

In seinem Blog kann man lesen, dass Mozarts Konzert für Klavier und Orchester Nr. 24 c-Moll eines seiner klassischen Lieblingsstücke war, weswegen er es auch im Rahmen einiger Konzerte des ‚Wiener Mozartjahrs 2006‘ aufführte.

In seiner letzten Botschaft, in der er unter anderem seinen langjährigen Weggefährten dankt, appelliert er auch an seine Fans und Musikschaffende in aller Welt, das musikalische Feuer nie erlöschen zu lassen.

„Die Welt braucht nicht nur mehr Künstler, es macht auch einfach einen Riesenspaß“.

Besser kann man es nicht ausdrücken, hinzuzufügen ist dem nichts.


Über Jan Reinelt

Jan Reinelt studierte an der Hochschule für Musik in Würzburg Posaune und Jazz-Piano. Neben seiner Tätigkeit als Musical Director, Pianist / Keyboarder und Arrangeur bei Künstlern wie Nevio und an verschiedenen Theatern in ganz Deutschland (z.B. Staatstheater Wiesbaden, Staatstheater Meiningen, Staatstheater Mainz etc.), ist er als Dozent bei Workshops (z.B. mainPOP Bandcamp), Komponist und als Produzent tätig.

Zusätzlich zu seinen Engagements als Studiomusiker für CD-, TV- und Radioproduktionen ist er auch regelmäßig auf Tourneen als Keyboarder und Arrangeur gebucht und hat mit seinem Buch Die Goldene Klarinette auch kurz in das Autorenbusiness hineingeblickt.

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