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Jim Morrison: Ein Komet zieht vorüber

von Marc Hoinkis (03.07.2021)

Vor genau fünfzig Jahren verglühte ein Sänger und Poet, der sich selbst als brennenden Kometen bezeichnete: Jim Morrison. Anlässlich seines Todestages wirft das Stretta Journal einen Blick auf die Vorbilder eines Ausnahmekünstlers, der genau so plötzlich auftauchte, wie er verschwand.

Jim Morrison: Ein Komet zieht vorüber

„The West is the best.“

(„The End“, 1967)

Doch zuerst alles auf Anfang. Jim Morrison (geboren 1943 in Melbourne, Florida) zog in seiner Kindheit häufig um, quer durch die USA. Die Beziehung zu seinen Eltern, insbesondere zu seinem Vater, einem Marineoffizier, wurde immer komplizierter. Er verbrachte die letzten Jahre seiner Schulzeit bei seinen Großeltern, bevor er 1964 in den Westen nach Kalifornien zog, um an der University of California, Los Angeles (UCLA) Film- und Theaterwissenschaften zu studieren.

Nach dem Abschluss seines Studiums brach Morrison den Kontakt zu seinen Eltern endgültig ab und musste daraufhin aus finanziellen Gründen seine Wohnung aufgeben. Von da an lebte er hauptsächlich in Motels, einen Sommer lang sogar auf dem Dach der Wohnung eines Freundes in Venice Beach, Kalifornien. Dort entstanden in sternklaren Nächten die ersten Texte für seine spätere Karriere.

Er ließ sich dabei von Autoren aus der Beat-Generation inspirieren, wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg oder Lawrence Ferlinghetti, aber auch von französischen Literaten wie Honoré de Balzac, Charles Baudelaire und vor allem Arthur Rimbaud.

Morrison lernte während seines Studiums den Organisten Ray Manzarek kennen, in dessen Band er 1965 für einige Sessions eingeladen wurde. Das war die Keimzelle für die legendäre Rockband The Doors, die Manzarek und Morrison zusammen mit dem Schlagzeuger John Densmore und dem Gitarristen Robby Krieger bildeten

„If my poetry aims to achieve anything, it's to deliver people from the limited ways in which they see and feel.“

(„Self-Interview“, 1969 – 1971)

Der Name der Band leitet sich von dem Titel einer Studie des britischen Schriftstellers Aldous Huxley ab, The Doors of Perception, in der er seine Experimente mit psychedelischen Substanzen schildert und versucht, die ‚Pforten der Wahrnehmung‘ zu öffnen. Morrison war begeistert von dem Gedanken, sich eine andere Welt zu erschließen und mit Hilfe von LSD und Meskalin durch diese Pforte schreiten zu können – und sie auch für sein Publikum zu öffnen. In seinen Gedichten und Songtexten finden sich dazu immer wieder direkte Anspielungen, Ideen oder verschleierte Ansätze. „Break on through to the other side“ ist nicht nur eine Zeile aus dem vielleicht bekanntesten Stück der Doors, sondern schien sich zu Morrisons Lebensmotto zu entwickeln.

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„Nietzsche killed Jim.“

(Robby Krieger, Gitarrist der Doors)

Einen gänzlich anderen, aber nicht weniger bedeutenden Einfluss empfing Morrison aus der deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts. Er äußerte sich selten zu Deutungsansätzen seiner Texte, verwies aber, zum besseren Verständnis seines Denkens, auf das Buch Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik von Friedrich Nietzsche. Darin versucht Nietzsche, den Untergang der antiken Tragödie darzustellen, und skizziert ein mögliches Wiederaufleben dieser Kunstform durch die Musik von Richard Wagner.

Morrison, der sich von seinen Eltern zum High-School-Abschluss eine Nietzsche-Gesamtausgabe als Geschenk gewünscht hatte, brannte für dessen Deutung des antiken Götterpaares Apollo und Dionysos als zwei unterschiedliche Kunstprinzipien, die nur im Einklang wirken können. Besonders die dionysische Seite interessierte Morrison; sie ist verbunden mit dem ‚Ur-Einen‘, dem Ursprung der Musik und dem Rausch, welche Dionysos als Gott des Weines verkörpert.

„We have assembled inside this ancient and insane theatre.“

(„An American Prayer“, 1970)

Alle Sinne ansprechen wollte auch der französische Theater-Theoretiker Antonin Artaud mit seinem Konzept eines ‚Theaters der Grausamkeit‘, bei dem das Publikum in Trance und eine Art ‚Urzustand‘ versetzt werden sollte. Aus dieser Beschäftigung entwickelte Morrison das ‚Rocktheater‘ „Celebration of the Lizard“: Gedichtpassagen und Songs werden kombiniert und in der Art eines Theaterstücks vorgetragen.

„Indians scattered on dawn's highway, bleeding / Ghosts crowd the young child's fragile, eggshell mind.“

(„Peace Frog“, 1970)

Eine andere Form von Elementarerlebnis hatte Morrison bereits in seiner frühen Kindheit: Im Alter von vier Jahren sei er mit seinen Eltern und Großeltern einen Highway entlang gefahren, auf dem sich ein Unfall mit amerikanischen Ureinwohnern zutrug. Morrison sah, wie diese Menschen starben, und er behauptet, dass ihre Seelen in ihn hineingefahren seien. So erklärt Morrison auch sein starkes Interesse an der Kultur der amerikanischen Ureinwohner. Er versuchte immer wieder, deren schamanische Riten und Bräuche auf die Bühne zu bringen. Er verband diese Ansätze mit der Musik der Doors, um die Konzerte wie eine Séance, eine Geisteranrufung, erscheinen zu lassen.


„Music is your only friend – until the end.“

(„When The Music's Over“, 1967)

Morrisons eigener Tod konnte nie ganz geklärt werden. Gerüchten zufolge soll er an einer Überdosis Heroin gestorben sein, in einem Pariser Nachtclub oder in der Badewanne des Apartments seiner Freundin Pamela Courson. Sie entdeckte nach seinem Ableben in seinem Notizbuch den letzten Eintrag, den er geschrieben hatte:

„Leave the informed sense in our wake/ you be christ on this package tour/ Money beats soul/ Last words, last words/ out.“

Jim Morrison hat eine ganze Generation aufgerüttelt und ist bis heute nicht vergessen. Eher im Gegenteil: Mit den Jahren entstanden immer wieder neue Mythen und Geschichten, sogar wissenschaftliche Abhandlungen über den Poeten, der rückblickend gerade einmal knapp fünf Jahre Zeit hatte, seine Gedanken mit der Welt zu teilen. Sein Nachwirken beschreibt der Künstler wohl am besten selbst:

„I see myself as a huge fiery comet. […] Everyone stops, points up and gasps ‚Oh look at that!‘ Then – whoosh, and I'm gone...and they'll never see anything like it ever again... and they won't be able to forget me – ever.“

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