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Josephine Baker

Ein Leben zwischen wildem Tanz und geheimen Notenblättern

von Nick Heß (21.03.2022)

Josephine Baker

Zum Autor

Nick Heß geht den Dingen gern auf den Grund. Nach einigen Jahren Archäologie- und Musikwissenschafts-Studium findet er seine geistige Heimat schließlich in der Philosophie, in der er gerade seine Master-Arbeit schreibt...

Saint-Louis, Paris, Les Milandes und Monaco. Erde dieser Orte füllt den Sarg, mit dessen Beisetzung im Pariser Panthéon am 30. November 2021 ein ganz besonderes Leben geehrt werden soll. Das Leben von Josephine Baker. Sie ist die erste Schwarze Frau, die sich neben Voltaire, Simone Veil, Marie Curie einreiht – um nur einige der großen Namen zu nennen, denen die ‚Grande Nation‘ diese Ehre zuteil werden ließ. Ihre Namen sollen die Zeiten überdauern, uns ewig erinnern, ermahnen, aber auch ermutigen. Doch wie kommt eine gebürtige US-Amerikanerin zu dieser Ehre?

Zeit ihres Lebens sieht sich Baker mit Rassismus, Gewalt und Terror konfrontiert. Mit Musik und Tanz findet sie einen Ausweg aus Armut und Elend und widmet ihr Leben dem Widerstand gegen das Regime der Nazis und später dem Kampf für Menschen- und Frauenrechte.

Wie dieses äußerst bewegte Leben, von den Rassenunruhen in den USA, der Flucht nach Europa bis zur Entfesselung des 2. Weltkrieges durch das Nazi-Regime eine entscheidende Wendung nimmt, wie sie ein Doppelleben als Agentin führt, das Kriegsgeschehen mitbeeinflusst und als Künstlerin ein Zeichen gegen Rassismus setzt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Von Kindheit an

Bereits der Beginn von Bakers Gesangs- und Tanzkarriere ist den menschenverachtenden gesellschaftlichen Umständen ihrer Zeit geschuldet. 1906 als Freda Josephine McDonald geboren, wächst Baker zur Zeit der Rassenunruhen in den USA auf. Mit acht Jahren muss sie die Schule verlassen, um als Babysitterin und Tellerwäscherin den Unterhalt der Familie zu unterstützen. Sie begeistert sich früh für Theater und Tanz und nutzt all ihre Freizeit, um auf der Bühne zu stehen. Ebenso plötzlich wie dramatisch beginnt ihre künstlerische Karriere, als sie 1916 vor dem Pogrom gegen die Schwarze Bevölkerung in East St. Louis fliehen muss. Viele Menschen werden ermordet, enteignet und verjagt. Ihre Häuser und Geschäfte werden in Brand gesetzt. Baker schließt sich in Philadelphia einer wandernden Tanzgruppe an und erhält ihre ersten Engagements. Kurze Zeit später wird ihr Talent für die großen Bühnen des Landes entdeckt. Sie tanzt in der New Yorker Music Hall und am Broadway in ihren ersten Musicals. Mit der Hilfe wohlhabender Mäzene nimmt sie 1925 ein Schiff nach Paris. Eine Weltkarriere nimmt ihren Lauf.

Die Schwarze Venus in Europa

Das Publikum der europäischen Unterhaltungskultur empfängt Josephine Baker nicht mit weniger rassistischen Vorurteilen als ihre Heimat - dafür zunächst weniger gewaltvoll und in Kunst verpackt. Alles ‚Afrikanische‘ gilt in den 1920er Jahren als exotisch und en vogue. Eine Schwarze Frau, lediglich mit einem Röckchen aus Bananen bekleidet, erobert unter diesen Voraussetzungen denkbar leicht die großen Bühnen in Paris, Berlin und London.

Das Markenzeichen der ‚Schwarzen Venus‘ ist der bis dahin in Europa noch unbekannte Charleston-Dance, der sie über Nacht weltberühmt macht. Ein Stück wie Leo Ornstein's „Danse Sauvage“ passte mit seinem ‚wilden‘ Zappeln in das rassistische Bild der Europäer von ‚afrikanischer Lebensweise‘.

Dank Josephine Baker gehört der Charleston-Dance auch heute noch zum Standard-Repertoire des (weißen) Gesellschaftstanzes.

Tanzen für den französischen Geheimdienst

Mit der Machtergreifung der Nazis ändert sich Josephine Bakers Leben als Künstlerin grundlegend. Auftritte in Berlin oder anderen deutschsprachigen Städten werden weitgehend unterbunden. Bei einer Show in Österreich wird sie gezwungen, den Hintereingang für Angestellte zu nutzen. In Frankreich erfolgen nach dem deutschen Einmarsch sogar Angriffe während der Konzerte. SA-Störtrupps buhen ihre Auftritte aus und lösen die Veranstaltungen auf. Abermals mit Diskriminierung und Terror konfrontiert, entscheidet sich Josephine Baker diesmal für den Kampf und engagiert sich in der französische Résistance, um dem Nazi-Regime die Stirn zu bieten.

Sie flüchtet zunächst in das unbesetzte Südfrankreich, kauft dort das kleine Château Les Milandes, um weiteren Geflüchteten Schutz anbieten zu können. Von dort aus sucht sie mit dem französischen Geheimagenten Jacques Abtey, der sich künftig als ihr Ballettlehrer ausgibt, nach einer Möglichkeit, sich aktiv gegen das Regime einzusetzen. Sie fassen den gefährlichen Plan, unter dem Deckmantel einer Tournee durch Portugal, Nordafrika und Brasilien zu reisen, um sich mit weiteren Agenten über das Kriegsgeschehen auszutauschen und so Informationen für den Widerstand zu sammeln.

Trotz ihrer Hautfarbe und ihrer französischen Staatsbürgerschaft bewältigt Baker mit ihrem Status als Weltstar die Kontrollen der Nazis. Um aber kein Risiko einzugehen, denkt sie sich eine sichere Methode aus: Sie schreibt die geheimen militärischen Informationen, die sie über den Einsatz in Nordafrika erhält, mit unsichtbarer Tinte auf ihre Notenblätter und näht sie in die Innenseite ihrer Unterwäsche ein. Aufgrund einer Flugverlegung müssen Baker und Abtey mit diesen Informationen zunächst noch viereinhalbtausend Kilometer von Marrakesch bis Kairo durch die Wüste fahren. Nachts schlafen sie neben dem Jeep auf dem Boden inmitten von Minenfeldern.

Auf dem Weg zu einem weiteren Konzert auf Korsika stürzt ihr Flugzeug über dem Meer ab. Als wäre nichts gewesen, setzt Baker, nachdem sie lebend aus dem Wasser geborgen werden konnte, die Tournee fort und spielt die Show auf Korsika. Mit diesen Konzerten sammelt Baker mehr als drei Millionen Francs, die sie dem französischen Widerstand spendet und damit dessen Aktivitäten entscheidend unterstützt. Nach Kriegsende wird sie für ihren Einsatz mit den höchsten Auszeichnungen geehrt. Selbst betrachtet sie ihre Taten für selbstverständlich und äußert sich bescheiden:

„Wenn ich heute darüber nachdenke, kann ich nicht sagen, irgendetwas Außergewöhnliches getan zu haben.“

Lebenslanger Einsatz – Bürgerrechtsbewegung und Rainbow Family

Auch nach dem 2. Weltkrieg tritt Josephine Baker gegen Rassismus und Diskriminierung ein. Denn kaum ist sie zurück in den USA, muss sie dort nicht weniger um ihre Rechte als Schwarze Frau kämpfen. Baker verbindet ihre künstlerische Karriere nun fest mit der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung: Sie veranstaltet Benefizkonzerte, organisiert Tagungen und unterhält eine eigene Pressekampagne zur Aufklärung gegen die Unterdrückung der Schwarzen Bevölkerung. Sie gilt als die erste Entertainerin, die ihr Publikum nicht nach der Hautfarbe trennt. In dieser Zeit beginnt sie, Waisenkinder aus den unterschiedlichsten Ländern zu adoptieren, und gründet, ohne jemals eigene Kinder zu bekommen, auf ihrem Château in Südfrankreich ihre sogenannte „Rainbow Family“.

Bis zu ihrem Tod 1975 und ihrer Beisetzung auf dem Cimetière de Monaco in Monaco hört Josephine Baker nicht auf, sich als Künstlerin gegen Gewalt und für die Gleichstellung der Menschen einzusetzen. Mit der Aufnahme in das Pariser Panthéon wird ihr einzigartiger Einsatz als leuchtendes Beispiel für künftige Generationen festgehalten. Wer dieses Leben hautnah erfahren möchte, kann noch heute das Schlösschen in der Dordogne besuchen, das zu einem Josephine Baker-Museum umgestaltet wurde.

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