Große Chorwerke mit reduzierter Orchesterbesetzung

von Holger Slowik (06.11.2020)

Neuerscheinungen im Carus-Verlag

Die Idee vom unantastbaren musikalischen Meisterwerk entwickelte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Bis dahin war es der Normalfall, Werke umzuarbeiten und an die Gegebenheiten der jeweiligen Aufführung anzupassen. Der Carus-Verlag greift diesen pragmatischen Umgang mit Musik auf und bietet eine Reihe berühmter Chorwerke in Bearbeitungen mit reduzierter Orchesterbesetzung an. Nicht nur werden großbesetzte Werke so auch für kleinere Chöre und mit geringerem Kostenaufwand realisierbar – die neuen Fassungen tauchen die altbekannten Werke auch in ein oft erfrischend neues Klanggewand.

Verschiedene Formen der Bearbeitung

Die wohl noch für längere Zeit geltenden, pandemiebedingten Einschränkungen beim gemeinsamen Singen und Musizieren dürften die Nachfrage nach diesen reduzierten Fassungen noch erhöhen. Der Umfang der Eingriffe ins Original reicht von einer lediglich leicht reduzierten Zahl der Bläser (Joseph Haydn: Die Schöpfung), über Kammerorchesterbesetzungen (Johannes Brahms: Schicksalslied und Ein deutsches Requiem, Antonín Dvořák: Stabat mater) bis hin zu wirklich substanziellen Umarbeitungen: Während Anton Bruckners Te Deum mit Blechbläserquintett und Orgel noch die Wucht der Originalfassung ahnen lässt, bietet Dvořáks Messe in D mit Holz­bläser­quintett ein sehr kammermusikalisches Klangbild.

Am weitesten vom Original entfernt sich die phantasievolle Bearbeitung von Giuseppe Verdis Messa da Requiem für lediglich fünf Musiker: Horn, Kontrabass, Klavier, Marimba und Pauken. Die für dieses Werk so charakteristischen ‚Schicksalsschläge‘ der Großen Trommel dürfen freilich auch in dieser Fassung nicht fehlen.

Auch weniger oder kaum bekannte Werke liegen in Bearbeitungen vor und finden so vielleicht ihren Weg ins Repertoire: Gioachino Rossinis Stabat mater, Charles Gounods Requiem oder Giacomo Puccinis Messa di Gloria.

Neu erschienene Bearbeitungen

Ludwig van Beethovens Missa solemnis ist eines der Hauptwerke der Gattung und stellt höchste Ansprüche an alle Ausführenden. Die Fassung von Joachim Linckelmann reduziert die von Beethoven ursprünglich vorgesehenen 18 Bläser auf sieben. Das ermöglicht, auch die Anzahl der Streicher und die Chorstärke zu verringern. Auch in dieser schlankeren Instrumentierung verliert die Missa solemnis nichts von ihren sinfonischen Dimensionen.

Felix Mendelssohn Bartholdys Der 42. Psalm „Wie der Hirsch schreit“, eine der beliebtesten Psalmvertonungen der Romantik, wurde von Jan-Benjamin Homolka bearbeitet. Auch er halbiert die Anzahl der Bläser und verzichtet, abgesehen von einem Horn, auf die Blechbläser. So verliert der Chor zwar die Unterstützung durch die Posaunen, aber der Gesamtklang gewinnt an Transparenz. Außerdem bleiben die für den romantischen Klang so wichtigen Holzbläserfarben erhalten.

Außerhalb Frankreichs kaum bekannt ist die Vokalmusik von Camille Saint-Saëns. Seine Messe de Requiem ist außerdem im Orchester so opulent besetzt – vierfache Holzbläser und vier Harfen –, dass sie kaum aufgeführt wird. Deshalb beinhaltet schon die Ausgabe der Originalfassung im Carus-Verlag die Möglichkeit einer Aufführung mit weniger Bläsern. Klaus Rothaupt legt nun eine Fassung in einem radikal anderen, aber dennoch sehr ‚französischen‘ Klanggewand vor: eine Bearbeitung für Streichorchester mit Harfe und Orgel.

Ludwig van Beethoven – Missa Solemnis
Cover zu Beethovens ‚reduziertem‘ op. 123

Bei allen Neubearbeitungen können die Klavierauszüge und Chorpartituren, teils auch die Streicherstimmen der Originalfassung verwendet werden. Im Stretta-Shop finden Sie zu den Werken wie gewohnt Klangbeispiele und Probepartituren.

Hier haben wir Ihnen nochmal alle bisher erschienenen Bearbeitungen – nach Gattungen sortiert – zusammengestellt: