Viel mehr als Italowestern

von Jan Limpert

Ennio Morricone. Ein Nachruf

Ennio Morricone komponierte die Musik zu über 500 Filmen, doch nur einen Bruchteil davon schrieb er für die weltberühmten Italowestern von Regisseur Sergio Leone. Dennoch ist sein Name untrennbar mit rauchenden Colts, Wild-West-Flair und Geschichten einsamer Helden verbunden. Für die Popkultur ein dankbares Erbe, für Morricone selbst eine Reduzierung seines Oeuvres auf wenige Werke.

Die 1960er Jahre brachten mit dem Italowestern, der auch Spaghettiwestern genannt wird, ein neues Filmgenre hervor. Das Konzept: mit begrenzten finanziellen Mitteln möglichst spannende Western-Filme zu erschaffen – und das nicht etwa in Hollywood, sondern vor allem in Italien und Spanien. Ein Vorzeigeregisseur dieses Genres war Sergio Leone, dessen Filme wie „Für eine Hand voll Dollar“ („Per un pugno di dollari“) oder „Spiel mir das Lied vom Tod“ („C’era una volta il West“) bis heute Kultstatus besitzen. Doch ohne die Musik von Komponist Ennio Morricone wären weder Sergio Leones Filme noch das Genre des Italowestern so erfolgreich geworden.


Der Klang vom Western

Auch wenn man Sergio Leones Western nicht kennt, hat wohl trotzdem jeder von uns schon Morricones berühmteste Melodie gehört, die im Film “Spiel mir das Lied vom Tod” untrennbar mit der von Charles Bronson gespielten Figur verbunden ist. Die Melodie besteht aus drei langen, klagenden Tönen auf einer Mundharmonika, die sich einige Male wiederholen, bis sich eine brachiale E-Gitarren-Melodie Bahn bricht.

Das Besondere an Morricones Western-Kompositionen ist die ungewöhnliche Instrumentierung: Klirrende, mit üppigem Hall versetzte E-Gitarren reihen sich an menschliches Pfeifen, opereske Frauenstimmen, Solo-Trompeten, Mundharmonikas und allerhand Percussion-Instrumente. Geräusche wie Regentropfen, Schüsse oder Peitschenknalle werden musikalisiert und zum Teil auch als Leitmotive eingesetzt. Dieser ganz spezielle Klang, der Morricones Markenzeichen ist, beeinflusst bis heute viele Musiker.

Morricone als Pop-Influencer

Ennio Morricone komponierte Musikstücke, die Filmgeschichte schrieben und konstruierte Klänge, die die Kindheit einer ganzen Generation prägten. Nicht nur die Filmwelt trauert daher um den Komponisten, auch die Popwelt bekundet ihre Anteilnahme, indem Bands und Künstler würdigen, welchen Einfluss die Werke und die Person des italienischen Komponisten auf das eigene musikalische Schaffen hatten. So zollte Metallica-Frontmann James Hetfield dem Komponisten via  Instagram Tribut. Die Band spielt seit 1983 Morricones  The Ecstasy of Gold aus „Zwei glorreiche Halunken” („Il buono, il brutto, il cattivo”) als Intro ihrer Live-Konzerte :„The day we first played ‚The Ecstasy of Gold‘ as our new intro in 1983 it was magic! […] I will forever think of you as part of the Metallica family”.

Auch die Bombast-Rocker von Muse performen ihren klar an Morricones Western-Sound angelehnten Song „Knights of Cydonia“ seit 2008 nie, ohne ihn mit dem eingangs beschriebenen  Man with the Harmonica aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ einzuleiten. Muse-Bassist Christopher Wolstenholm übernimmt dabei den legendären Mundharmonika-Part.

Bereits 2011 veröffentlichten Musikproduzent Danger Mouse und Komponist Daniele Luppi das Album „Rome“ – eine Hommage an die Spaghettiwestern der 60er Jahre und damit auch an Ennio Morricones Schaffen. Neben der Sopranistin Edda Dell’Orso, die durch die Zusammenarbeit mit Morricone berühmt wurde, sind dort auch Stars wie Norah Jones oder Jack White von den White Stripes zu hören.

Tarrantino und Morricone

Die Kompositionen für Sergio Leones Italowestern überdauerten die 60er Jahre – auch wegen der Nostalgie der Western-Fans. Diese konservierten ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen und trugen sie ins Erwachsenenalter weiter. Regisseur Quentin Tarantino – einer dieser Fans – brachte Morricones legendäre Western-Musik nach Hollywood und machte sie so einem breiteren Filmpublikum zugänglich: „L’Arena“ aus „Die gefürchteten Zwei“ („Il mercenario“) von 1968 erklang beachtliche 45 Jahre später in Tarantinos „Kill Bill Vol. 2“. Das geisterhafte Pfeifen und das Klopfen auf den Saiten einer E-Gitarre, das an Schüsse erinnert, gefolgt von sanften Pauken, leisen Streichern und einem Trompetensolo, das einen Marsch voller Pathos und Nostalgie initiiert, ist zeitlos und erzeugt beim Zuschauer auch noch im Jahr 2004 eine kaum auszuhaltende Spannung, die sich mit dem Einsetzen des Trompetensolos langsam in Hoffnung auf Befreiung wandelt.

Morricones Einfluss auf den Film

Seither finden Morricones Kompositionen aus den 60er Jahren weiter Einzug in moderne Produktionen, wie Quentin Wests „The Expendables 2“ oder Clint Eastwoods „American Sniper“. Dieses Phänomen ist nicht als reine Hommage an einen großen, italienischen Komponisten zu verstehen – seine Greatest Hits aus den Italowestern sind heute klingende Symbole für bleigetriebene Action, cineastische Leben-oder-Tod-Situationen und einsame Heldenmomente.

Doch in einem  Interview mit dem ZDF verriet Morricone, dass seine Western-Erfolge nur 8% seines Gesamtwerks ausmachen. Morricone komponierte nämlich noch bis ins hohe Alter, steuerte 2017 die Musik zu Giuseppe Tornatores Liebesfilm „The Correspondence“ bei.

Die vielen Gesichter des Ennio Morricone

„I think that there are various Ennio Morricones.”

So hielt das auch Regisseur Bernardo Bertolucci in einer  Dokumentation der BBC2 fest. Dass Morricone stets klanglich experimentierte, beweisen international prämierte Filme, wie John Carpenters „The Thing“ von 1982, in dem die Musik eine futuristische und gleichzeitig beklemmende Atmosphäre erzeugt. Das schafft Morricone nicht etwa mit experimentellen Synthesizern, sondern mit klug eingesetzten Orchesterklängen. Ebenso hervorzuheben sind Morricones Ausflüge in die Pop-Sounds der 80er Jahre in Roman Polanskis „Frantic” aus dem Jahr 1987. Morricone scheut sich hier nicht, die Klänge, die damals die Charts dominierten, in seine Filmkompositionen zu übernehmen.

Der Komponist Ennio Morricone
Ennio Morricone

Fernab der Leinwand

Eher unbekannt ist, dass der Maestro Teil des Kollektivs  Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza war, das zwischen 1964 und 1975 im Bereich avantgardistischer und improvisierter Musik experimentierte. Gemeinsam mit seinen Komponistenfreunden Mario Bertoncini, Walter Branchi, Franco Evangelisti, John Heinemann, Roland Kann und Egisto Macchi wollte Morricone so seinen musikalischen Horizont erweitern. Helfen sollte ihnen dabei auch, dass sie in der Gruppe bewusst die Doppelrolle von Komponist und Musiker – mit Morricone an der Trompete – einnehmen mussten. Bereits als Kind lernte er das Trompetenspiel, studierte das Instrument anschließend am Konservatorium in Rom und sprang sogar mitunter für seinen Vater ein, wenn dieser bei Auftritten in den Clubs Roms verhindert war.

Weiterhin komponierte Morricone auch für TV-Produktionen, Radio und Bühne. Es wird sich zeigen, wie Morricone in Erinnerung bleiben wird, ob als musikalischer Westernheld oder mit all seinen Facetten, doch eines steht fest: Die Innovationen seiner Kompositionen waren wegweisend und prägen die Filmmusik und die Popkultur bis heute.

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