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One-Hit-Wonders der 90er

von David Rauh (11.10.2021)

Irgendwie kennt man sie, oder doch nicht? Künstler, die diesen einen vermutlich schon hundertfach gehörten Song produziert haben, aber über diesen hinaus kaum aufgefallen sind. Sie zählen als One-Hit-Wonders, auch wenn sie mit anderen Liedern kurz die Charts erreicht haben. Wie lässt sich der Erfolg des einen Megahits begründen? Warum gelang diesen Künstlern kein zweiter Hit dieser Größenordnung? Anhand dreier Beispiele aus den 90ern nähern wir uns möglichen Antworten...

Los del Río – „Macarena“

Los del Río, das Flamenco-Duo bestehend aus Antonio Romero Monge und Rafael Ruiz Perdigones, waren schon 30 Jahre im Geschäft, als sie das Album A mí me gusta aufnahmen. Bis dahin konnten sie sich in ihrer Heimat Spanien mit Live-Auftritten und CD-Verkäufen einigermaßen über Wasser halten, aber das erste Lied auf diesem Album über eine Flamenco-Tänzerin aus Venezuela sollte sie für ihr restliches Leben finanziell absichern.

1992, also noch vor der Veröffentlichung des Albums, rochen die Produzenten wohl das Potential für einen Hit-Song. Die Melodie ist einfach, der Text repetitiv und der Ausruf „Ey Macarena“ lädt einfach zum Mitsingen ein.

Aber eine entscheidende Zutat hat für den Durchbruch noch gefehlt: Ein Elektro-Beat, der dem Ganzen ein hippes Gewand für die jüngere Generation verleiht und den Song clubtauglich macht. So entstand der „River Re-Mix“.

Im folgenden Jahr entstanden weitere Remixes, die in spanischen Clubs rauf und runter liefen. Mit der Zeit schwappte der Song auch auf die andere Seite der Welt nach Amerika. Der Radiosender Power 96 bekam immer häufiger Anfragen für den „River Re-Mix“ von „Macarena“, die er aber ablehnen musste, weil er nur englischsprachige Songs spielte. DJ Jammin Johnny Caride konnte den Song einmal im Nachtprogramm unterjubeln. Der Programmdirektor ließ sich vom Refrain des Songs anstecken und gab einen Remix in englischer Sprache in Auftrag, der innerhalb von zwei Tagen fertiggestellt werden sollte.

Der DJ kontaktierte seine Freunde von den Bayside Boys. Als Grundlage nahmen sie den „River Re-Mix“. Sie reduzierten den Harmonieverlauf auf zwei Akkorde und ließen den neu erfundenen englischen Text von einer Studio-Sängerin einsingen. Das amerikanische Plattenlabel BMG brachte 1995 diese Version als Single heraus und rührte kräftig die Werbetrommel. Dieser „Bayside Boys Remix“ wurde im folgenden Jahr zum weltweiten Sommerhit: Insgesamt 60 Wochen verweilte er in den Top 100 der USA (37 Wochen in Deutschland).

Los del Río lebten fortan von dem Remix. Ihnen wurden 25% der Einnahmen zugesprochen. Sie veröffentlichten einige weitere Alben, konnten aber keinen ähnlichen Erfolg wie mit „Macarena“ erzielen. Vermutlich, weil ihr eigentlicher Stil ohne die Elektro-Beats ein kleineres Publikum anspricht. Immer wieder nehmen sie aber Bezug auf ihren größten Hit – sie gaben unter anderem auch eine Weihnachtsvariante heraus.

Andere Künstler wiederum coverten den Song, wie jüngst ein weiteres One-Hit-Wonder: Lou Bega.


Lou Bega – „Mambo No. 5 (A little Bit of…)“

Lou Bega kennt man vor allem wegen eines anderen Sommerhits, „Mambo No. 5 (A little Bit of…)“. Er gilt als die erfolgreichste deutsche Pop-Musikproduktion überhaupt! Ende der 90er Jahre suchte der Musikverlag Peermusic gezielt einen vielversprechenden alten Titel aus seiner Sammlung aus, um ihn neu herauszubringen. Der Blick fiel auf den 1950 veröffentlichten „Mambo No. 5“ von Mambo-Orchesterleiter Pérez Prado.

Produzenten der Musiklabels Syndicate Musicproduction und Lautstark entdeckten den noch wenig bekannten Rapper David Lubega, der sich den Künstlernamen Lou Bega gab. In dieser Konstellation entstand aus dem Original von Prado der Partykracher mit Beats und ‚melodiösem Rap‘ – ‚gesprochener‘ Rap war zu dem Zeitpunkt in Deutschland noch wenig anerkannt. Gesampelt wurde die folgende, spätere Version des „Mambo No. 5“:

Pérez Prados Platten und Auftritte entfachten in den 50ern einen regelrechten Boom des Mambo-Tanzes – war eine Neuauflage also eine Garantie für einen weiteren Erfolg? Die Geschichte zeigt zumindest, dass die Neuauflage das Original in Sachen Popularität weit übertrumpfte! Denn Begas Neuvertonung erreichte in 20 Ländern Platz 1 der Charts. Die Single allein verkaufte sich 8 Millionen Mal, das dazugehörige Album noch öfter.

Im Verlauf der weiteren Karriere Begas blieb „Mambo No. 5 (A little Bit of…)“ ein Einzelfall. Dass der weltweite Erfolg nicht anhielt, mag darin begründet liegen, wie schwer es ist, im Ausland CDs zu veröffentlichen. Begas Manager stellte allein für den Release des Sommerhits in anderen Ländern 10 Mitarbeiter ein. Amerika erwies sich neben Großbritannien als besonders harte Nuss, die man über Monate zu knacken versuchte. Der Manager wurde gewarnt, er „solle auf dem Teppich bleiben. Das hätten schon ganz andere in USA versucht und wären kläglich gescheitert.“ Die Beharrlichkeit hat sich zwar ausgezahlt (Platz 3 der Billboard Hot 100), diese Erfahrung mag aber ihre Spuren für zukünftige Veröffentlichungen hinterlassen haben.


The Verve – „Bitter Sweet Symphony“

Ein kleines Streicherensemble wiederholt offene Harmonien. Eine sprunghafte Streichermelodie schleicht sich langsam heran, E-Bass und Schlagzeug steigen ein. Die Streicher multiplizieren sich in der Höhe. Die Strophe beginnt, Gesang und E-Gitarre komplettieren den Sound. Der Opener „Bitter Sweet Symphony“ zum dritten Album Urban Hymns der Britpop-Band The Verve klingt wie kein anderer auf der Platte, denn er nimmt Samples eines Orchesterarrangements von The Rolling Stones’ „The Last Time“ als Grundlage. 1997 wurde er als Single veröffentlicht.

Der Song hat im Gegensatz zu „The Drugs Don’t Work“ vom selben Album nie den 1. Platz in den UK-Charts erreicht, sich allerdings mit Abstand am längsten gehalten (56 Wochen) und wurde millionenfach verkauft – vor allem weltweit: Es ist die einzige Single in der Bandgeschichte, die es in die US-Charts geschafft hat.

Das ursprüngliche „The Last Time“ der Rolling Stones eroberte 32 Jahre vor „Bitter Sweet Symphony“ international hohe Chart-Platzierungen. Man könnte also mutmaßen, dass der ursprüngliche Erfolg ausschlaggebend für The Verves Wurf ist, weswegen die Stones-Autoren bis 2019 die vollständigen Rechte für sich beansprucht hatten.

Allerdings ist von der ursprünglichen Musik im Orchesterarrangement von Andrew Loog Oldham nicht mehr viel erhalten – es war als Nebenprojekt des damaligen Stones-Producers nur eingefleischten Fans bekannt. Wahrscheinlich ist es aber gerade dieses ungewöhnliche Arrangement, das umso mehr Leute angesprochen hat, weil es nicht in ein typisches Rock-Gewand gekleidet ist. Die E-Gitarre tritt zum Beispiel nur dezent auf.

Eine Fortsetzung dieses Erfolgs war The Verve nicht vergönnt, denn nur ein Jahr später, 1998, löste sich die Band auf. Die Reunion 2008 hielt lediglich ein weiteres Jahr, bis die einzelnen Bandmitglieder wieder ihren eigenen Projekten nachgingen. Damit ist es also biographischen Umständen geschuldet, dass die Band international kaum für mehr Songs bekannt wurde als für „Bitter Sweet Symphony“.

Immerhin: Sänger Richard Ashcroft legte nach der Auflösung von The Verve eine beachtliche Solokarriere hin. Er erreichte mit jedem Album Top-Platzierungen in den britischen Charts, konnte jedoch nie dieselben Verkäufe wie mit „Bitter Sweet Symphony“ oder dem dazugehörigen Album erzielen.


Wann ist ein Hit ein Hit?

Alle drei Beispiele zeigen: Hat man einmal mit einem Megahit alle Rekorde gebrochen, wird jeder noch so beachtenswerte weitere Erfolg wie eine Niederlage wahrgenommen. Grundsätzlich kann aber jede Chartplatzierung als Gewinn angesehen werden. Eine Nummer der hier dargestellten Größenordnung kann andererseits dafür sorgen, dass die Künstler unbeschwert ihrer Passion nachgehen können, ohne dass sie sich finanziell Sorgen machen müssten. Insofern kann es sein, dass gerade diese eine Haupteinnahmequelle dazu beiträgt, dass gar nicht mehr der Anspruch bestehen muss, den obersten Plätzen der Charts nachzueifern; stattdessen besinnen sie sich auf einen eigenen Weg, der eine kleine, aber feine Fangemeinde finden wird. Einmal zum One-Hit-Wonder geworden, genießt man also künstlerische Narrenfreiheit.


Die Songs aus diesem Beitrag sowie von vielen weiteren One-Hit-Wonders haben wir für dich in einer Spotify-Playlist zusammengetragen:

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