„Sprecht lauter, schreyt, denn ich bin Taub“

Beethovens Kommunikationsstrategien – Teil 1: Die Konversationshefte

von Holger Slowik (16.11.2020)

Hören wir Musik anders, wenn wir über das Leben ihrer Komponisten informiert sind? Verhilft die Kenntnis biographischer Details zu einem vertieften Verständnis der Werke? Sicher ist jedenfalls, dass Musik nie eins zu eins Biographie wiedergibt. Sicher ist aber auch, dass Musik nicht losgelöst von den persönlichen Lebensumständen ihres Urhebers entsteht, von seinem gesellschaftlichen Umfeld und den politischen Verhältnissen, in denen er lebt.

Im Falle Ludwig van Beethovens stehen der Forschung alle Quellen zur Verfügung, mit der sie üblicherweise Leben und Lebensumstände einer historischen Persönlichkeit rekonstruiert: Offizielle Dokumente wie Tauf-, Sterbe- und Melderegister beglaubigen die Eckdaten seines Lebens. Ihm nahestehende Personen haben Berichte über sein Leben verfasst. Diese müssen allerdings, wie immer in solchen Fällen, mit Vorsicht bewertet werden. Vor allem sein Schüler und Sekretär Anton Schindler neigte dazu, seinen Lehrer im Nachhinein zu überhöhen und schreckte dabei auch vor Verfälschungen nicht zurück. So wurde etwa die starke Neigung Beethovens zu „geistlichen Getränken“ (Alkohol), die durch ärztliche Berichte beglaubigt ist, von Schindler heruntergespielt.

Die wichtigsten und persönlichsten Informationen beziehen wir aber aus den Quellen, die Beethoven selbst zur Kommunikation genutzt hat. Das sind zunächst einmal – und das mag im ersten Moment vielleicht verwundern – seine Werke. Beethoven ‚adressiert‘ viele seiner Kompositionen. Entweder an einzelne Personen, wie im Fall des Klavierstücks Für Elise, dessen nicht überlieferte Widmung wohl gelautet hat: „Für Elise am 27. April zur Erinnerung von L. v. Bthvn“. Oder an die ganze Menschheit, wie in der 9. Sinfonie mit dem Schlusschor über Schillers Ode an die Freude, wo es heißt: „Alle Menschen werden Brüder“. Und natürlich hat Beethoven unzählige Briefe geschrieben und erhalten: von der Geschäftskorrespondenz mit Verlegern und Auftraggebern bis hin zu intimsten Bekenntnissen, die er zu Lebzeiten nicht abgeschickt hat, die aber der Nachwelt erhalten geblieben sind.

Das ‚Heiligenstädter Testament‘

Die Konversationshefte

Durch seine schließlich vollständige Ertaubung war Beethoven gezwungen, eine Methode zu ersinnen, die normale Gesprächsführung im Alltag aufrecht zu erhalten: Seine Gesprächspartner, die er nicht hören konnte, schrieben ihre Mitteilung in ein kleines Heft und Beethoven antwortete mündlich, so dass seine Antworten nur aus dem Kontext erschlossen werden können. Von diesen ursprünglich 414 sogenannten Konversationsheften haben sich 139 erhalten. Sie bilden eine einmalige Quelle zu Beethovens Leben nach seiner vollständigen Ertaubung im Jahr 1818 und eine hochspannende Lektüre – gerade durch die nur einseitig überlieferte Gesprächssituation, bei der man Beethovens Anteil stets mitdenken beziehungsweise erraten muss. Die Spannbreite der Gesprächsstoffe reicht vom banalen Alltag bis hin zu philosophischen Erwägungen.

Krankheit und strenge Diät

Kanon und Dankgesang

So stellt sich der Krankheitsverlauf in den Konversationsheften dar, wo er viele Seiten einnimmt. Die Krankheit und die Dankbarkeit über seine Genesung haben aber auch Spuren in zwei Werken Beethovens hinterlassen. Seinem Arzt, dem Prof. Braunhofer, dankt er mit der Komposition des humorvollen Kanons Doktor sperrt das Tor dem Tod. Eine Skizze zu diesem Kanon hat Beethoven ebenfalls in ein Konversationsheft notiert.

Weitaus gewichtiger als dieses Gelegenheitswerk ist die Musik des a-Moll-Streichquartetts, dessen Komposition Beethoven nach überwundener Krankheit wieder aufnimmt. Eine explizite Botschaft versendet er mit dem  langsamen Satz dieses Quartetts. Er gibt ihm nämlich eine Überschrift: „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart“. Und beim ersten Auftreten des dramatischeren zweiten Themas notiert er: „Neue Kraft fühlend“.

Es fällt schwer, bei dieser hymnischen Musik an die ungewürzte Wassersuppe und die zahllosen weichen Eier zu denken, die Beethoven während seiner Krankheit zu sich nehmen musste. Und, wie anfangs gesagt, wäre es naiv zu glauben, Musik setze das Leben des Komponisten eins zu eins in Töne um. Dennoch hilft die Kenntnis von Beethovens jüngst zurückliegender eigener schwerer Erkrankung, von der wir aus den Konversationsheften wissen, beim Verständnis dieses vielleicht schönsten Satzes aus Beethovens Kammermusik.

Zwanzig Jahre zuvor, im ‚Heiligenstädter Testament‘, hatte Beethoven sich noch unfähig gezeigt, über seine Hörprobleme zu sprechen. Wenn er nun, beim letzten Auftreten des Themas des „Dankgesangs“ in jeder der vier Stimmen notiert: mit innigster Empfindung, so wird klar: Er hat (Kommunikations-)Wege gefunden, mit seiner Taubheit und der damit einhergehenden Isolation umzugehen. Sein Hauptweg bleibt: seine Kunst.


In einem zweiten Beitrag zu Beethovens Kommunikationsstrategien werden wir uns ins Spannungsfeld zwischen einem Brief und einer Komposition begeben: Beethovens „Brief an die unsterbliche Geliebte“ und seinen Liederkreis An die ferne Geliebte.